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Zentrum Baunatal

Freiraumplanerischer Realisierungswettbewerb mit Ideenteil zur Innenstadt

Ort: Baunatal (D)

Preis: 1. Preis

Datum: 11-2011

Auslober: Stadt Baunatal

Die Stadt Baunatal entstand erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts unter den derzeitigen Idealvorstellung einer modernen Stadtgestaltung. Sie kann daher nicht auf eine gewachsene identitätsstiftende Stadtgeschichte zurückblicken. Lediglich die industrielle Entstehungsgeschichte als VW-Vorstadt von Kassel gab der Stadt eine regionale Bedeutung. In diesem Zusammenhang ist die Stadt als autogerechte Stadt entwickelt worden. Dennoch gibt es ein reizvolles Spiel aus engen und weiten Raumfolgen innerhalb der bestehenden Stadtstruktur. Die Abfolge von engen, gassenartigen Fugen, der großzügigen Fußgängerzone und mehreren Platzräumen erinnern an eine klassische Altstadtstruktur und sollte die Grundlage für eine Weiterentwicklung des Baunataler Zentrums bilden.

STÄDTEBAULICHES KONZEPT
Das städtebauliche Bild der europäischen Stadt dient als Motiv für die Weiterentwicklung und Umgestaltung des Baunataler Zentrums. Das Zentrum wird städtebaulich neu geordnet, bestehende Strukturen weitergebaut, neue Nutzungen ergänzt und klare Freiräume ausgebildet. Ferner wird die Ausdehnung des Zentrums zwischen der Friedrich Ebert Allee, der Kirchbaunaer Straße, der Parallelstraße zur Bahn sowie der Rudolf Diesel Straße definiert. Der bestehende Nutzungsmix aus Einzelhandel und Wohnen wird durch zwei weitere Einkaufszentren, mehrere Wohngebäude und langfristig durch ein neues Büro- und Verwaltungsquartier auf dem EON-Gelände ergänzt. Durch diesen zeitgemäßen Nutzungsmix entsteht ein ganztägig lebendiges und vielseitiges Innenstadtleben. Die Körnung der neuen Gebäudestrukturen ordnet sich dabei dem Herkulesmarkt unter, dessen räumliche Ausdehnung durch Neubauten nicht überschritten werden sollte.

FREIRÄUMLICHES KONZEPT
Langfristig sollen die angrenzenden Straßenräume der Baunataler Innenstadt zurückgebaut und auf zwei Fahrspuren reduziert werden. Auf dieser Grundlage wird ein Motiv für die „In-Wert-Setzung“ des Zentrums entwickelt. Die geschliffenen Befestigungsanlagen vieler europäischer Altstädte sind Vorbild für den neuen Baunataler Boulevard, der sich als ringförmige Allee um das Stadtzentrum legt. Desweiteren werden analog zum bestehenden Europaplatz drei weitere, grüne Stadtplätze als Innenstadteingänge an allen Himmelsrichtungen des Baunataler Zentrums angelegt. Ein einheitlicher Belag und ein durchgängiges Ausstattungskonzept dient als Konstante der Zentrumsgestaltung. Der neue Marktplatz mit seiner Marktbühne und der Marktlounge bildet das lebendige Herz des Baunataler Zentrums.

ENTWURF
Stadtboden und Ausstattungskonzept
Das gesamte Zentrum der Stadt erhält einen einheitlichen Stadtboden aus hochwertigen Betonplatten. Ein wechselndes Plattenformat (z. B. 60x20, 60x40 und 60x60) und leicht differenzierte Grau- oder Beigetöne bilden ein abwechslungsreiches Bild. Die Plattenstärke beträgt durchgängig mind. 12 cm, sodass eine durchgängige Befahrbarkeit für Anlieferung und Feuerwehr gewährleistet wird. Das gesamte Stadtzentrum wird mit dem neuen Stadtboden als Fußgängerbereich ausgebildet. Lediglich die Anlieferung und die Feuerwehr sowie der Individualverkehr in die Tiefgaragen und die Parkhäuser erhalten Zufahrt ins Zentrum. Neben dem einheitliche Stadtboden erhält das Baunataler Zentrum ein einheitliches Ausstattungskonzept. Dies orientiert sich in seiner primären Materialität Stahl an der industriellen Entstehungsgeschichte der Autostadt Baunatal. Bänke (mit Holzauflage), Abfalleimer, Poller, Fahrradständer und Poller erscheinen als Ausstattungsfamilie in einem einheitlichen Design.

Fußgängerzone
Die eigentliche Fußgängerzone der Stadt zwischen dem Platz des Friedens und dem Marktplatz wird neben dem einheitlichen Stadtboden durch ein individuelles Beleuchtungskonzept definiert. Eine abgehängte Beleuchtung bildet ein diffuses Dach über der Fußgängerzone, das sich nachts in einen künstlichen Sternenhimmel verwandelt. Zu besonderen Anlässen wie Stadtfesten oder dem Weihnachtsmarkt könnten zudem unterschiedliche Beleuchtungsfarben die Fußgängerzone in ein buntes farbenfrohes Bild tauchen. Die abgehängte Beleuchtung definiert alle Verbindungen zwischen den grünen Plätzen am Zentrumsrand und dem Marktplatz (z. B. Postgasse) und dient damit der Orientierung in der Innenstadt.

Marktplatz
Der Baunataler Marktlatz hat derzeit stark unterschiedliche Raumkanten. Die westliche (Rathaus), die nördliche und die südliche Platzkante sind mit relativ einheitlichen Gebäudehöhen geschlossen und bilden einen Platzraum aus. Die nördliche Raumkante sollte analog zur Rathausfassade in den nächsten Jahren saniert werden. Lediglich die östliche Raumkannte ist mit ihrer Eingeschossigkeit schwach ausgeprägt. Dem entsprechend wird der Ostfassade des Platzes eine „Marktlounge“ vis a vis vom Rathaus zugeordnet. Sie besteht aus einem Baumvolumen aus geschnittenen Linden oder Platanen, die eine grüne, architektonische Raumkannte bilden, ohne wie ein Gebäude als Barriere zu wirken. Unter den Bäumen befindet sich ein horizontal mäandrierendes Holzdeck als großes Stadtmöbel. Zur Steigerung der Aufenthaltsqualität werden mehrere Pflanzbeete und zwei kleinere Spielbereiche in die Holzflächen integriert. Mit der Marktlounge entsteht ein schattiger Ort mit hoher Aufenthaltsqualität auf der das vielseitige Stadtleben auf dem Marktplatz beobachtet werden kann.
Die besondere Stellung des Marktplatzes wird durch eine bodenbündige „Marktbühne“ aus Natursteinplatten unterstrichen. Die parkettartig verlegten Natursteinplatten verwandeln den Marktplatz in die „gute Stube“ der Stadt. Die Natursteinplatten werden den nötigen Belastungsklassen für LKW entsprechend ausgebildet. Große Mastleuchten gegenüber der Marktlounge sorgen für eine bühnenartige Beleuchtung des Platzes, sodass er zu jeder Zeit frei von Angsträumen ist.
Die Räder des Platzes werden auf die unterschiedlichen Niveaus der Gebäudeanschlüsse angepasst. Der gesamte Platz erhält ein einheitliches Niveau und orientiert sich an den gemeinsamen Höhen der Ost- und Südseite. Dadurch werden in diesen Bereichen barrierefreie Zugänge erreicht. Analog zur bestehenden Situation werden der West- und Nordseite ca. 50 cm hohe Stadtbalkone zugeordnet. Diese bestehen aus einer umlaufenden Treppenanlage, die von einer Rampe durchschnitten werden, sodass auch hier die barrierefreie Erschließung gewährleistet wird. Auf den podestartigen Stadtbalkonen werden Flächen für Außengastronomie mit einem schönen Blick auf dem neuen Markplatz eingerichtet.
Ein Fontänenfeld aus bodenbündigen Wasserfontänen im Südwesten des Platzes verweist auf den Eingang in die Fußgängerzone. Es bildet vor allem in den Sommermonaten eine Attraktion für Erwachsene und Kinder. An Markttagen kann das Wasserspiel einfach abgeschaltet werden.

VIER KREISE-VIER PLÄTZE
Analog zu den vier Kreisen aus denen sich die Stadt Baunatal zusammengeschlossen hat, entstehen vier Plätze als neue Stadteingänge in das Baunataler Zentrum. Die Baumarten beziehen sich dabei auf die vier Themen des Stadtlogos im Bezug auf die geographische Situation Baunatals: Die Landwirtschaft / Platz des Friedens (z. B. Kirschen), die Stadt / Europaplatz (z. B. Linden), das Wasser / Eon-Platz (z. B. Trauerweiden) und der Forst / Postplatz (z. B. Kiefern).

Platz des Friedens
Der Platz des Friedens ist durch die angrenzende Kirche geprägt. Er bildet den südlichen Eingang ins Stadtzentrum und den Auftakt in die Fußgängerzone. Ein Hain aus Apfelbäumen (alt. Kirschbäumen) umschließt die Kirche in Anlehnung an das biblische Motiv des Paradieses. Das Umfeld der Kirche besteht aus ruhigen Rasen- und Grandflächen.

EON Platz
Als langfristige Perspektive definiert zukünftig der EON-Platz den westlichen Stadteingang ins Zentrum Baunatal. Die derzeitigen Parkplatzflächen der Firma EON könnten in einen kleinen, grünen Bürgerpark verwandelt werden. Ein umlaufender Baumrahmen aus schattenspendenden Trauerweiden und eine offene Wiesenfläche bieten vielfältige Nutzungsmöglichkeiten wie z B. Flanieren oder Sonnenbaden sowie Freizeitaktivitäten wie z. B. Federball oder Fußball. Im Bezug auf den Namensgeber des Platzes, könnten Pflanzungen von Energiepflanzen, wie z. B. Chinaschilf kleinteilige Raumsituationen erzeugen und auf das aktuelle Nachhaltigkeitsthema eingehen.

Europaplatz
Der Europaplatz bildet den nördlichen Stadteingang und den Übergang zum Stadtpark. Die Gestaltung des Europaplatzes orientiert sich im Wesentlichen am Bestand. Das Raster aus Linden wird zu einem Baumhain erweitert in dessen Lichtung das bestehende Kunstwerk integriert wird. Die Wassergebundene Decke unter den Bäumen wird erneuert und ausgeweitet. Mehrere Bänke, Schachbretter, eine Boulebahn und einige Kinderspielobjekte laden sowohl Erwachsene als auch Kinder zum spielen unter Bäumen ein.

Postplatz
Ein charaktervoller Kiefernhain bildet den neuen östlichen Eingang in die Innenstadt. Über den „Postplatz“ entsteht eine direkte, klare Verbindung über die Postgasse zum Marktplatz. Zudem erhält das neue BaunaCenter ein adäquates Entree. Die Kiefern stehen in Rasenstreifen, die sich partiell zu Rasenbänken verwandeln. Analog zu den anderen Plätzen des Baunataler Zentrums befindet sich in einer Lichtung ein Spielplatz mit mehreren Spielgeräten. Südlich des Postplatzes könnte ein weiteres Parkhaus die Parkplatzproblematik entschärfen.

BAUNATALER BOULEVARD
Der Baunataler Boulevard bildet den letzten Baustein der städtebaulichen Innenstadtentwicklung. Durch den Rückbau der angrenzenden Straßen auf zwei Spuren entsteht ein großzügiger, ca. 10 m breiter Boulevard als Rundweg und Grüngürtel um die Innenstadt. Der Alleenring öffnet sich an partiell prägnanten Stadteingängen und besteht aus einer transparenten Baumart wie z. B. Gleditschien, die den Blick auf das Zentrum immer wieder frei geben. Der Grüne Alleengürtel lädt zu Spaziergängen ein und ermöglicht eine optimale Orientierung im Stadtgebiet. Zudem setzt er eine klare Grenze zum Individualverkehr und schafft ein Innen und ein Außen.

ENTWICKLUNGSKONZEPT / BAUABSCHNITTE
Die städtebaulich-freiräumliche Entwicklung des Baunataler Zentrums ist voraussichtlich eine „Herkulesaufgabe“ für die nächsten 10-30 Jahre. Das vorliegende Konzept zeigt eine Vision für einen Rahmenplan, der sich in den nächsten Jahren weiter entwickeln muss. Innenentwicklung vor Außenentwicklung – übertragen auf das Baunataler Zentrum entwickelt sich die Innenstadt ausgehend vom Marktplatz als ersten Baustein über die Fußgängerzone und die vier sternförmig angeordneten Plätze bis zum Baunataler Boulevard als finalem Baustein der Zentrumsentwicklung. Der freiräumlichen Entwicklung muss allerdings eine städtebauliche Entwicklung vorausgehen. Eine städtebauliche Neuordnung sowie eine umfangreiche städtebauliche Nachverdichtung des Zentrums bilden die Grundlage für wohlproportionierte Freiräume. Weitere städtebauliche und architektonische Wettbewerbe (z. B. für die Einkaufzentren, das EON Areal sowie das Wohnquartier) könnten die Qualität einzelner Maßnahmen sichern. Zudem ist die Stärkung des Nutzungsmixes aus Einzelhandel, Wohnen, Verwaltungs- und Bürogebäuden entscheidend für eine funktionierende, lebendige Innenstadt