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Blaugrüner Ring

Nichtoffener Realisierungswettbewerb

Ort: Düsseldorf (D)

Preis: 1. Preis

Datum: 12-2019

Auslober: Landeshauptstadt Düsseldorf, Düsseldorf

Stadtplaner: raumwerk Ges. Architektur u. Stadtplanung, Frankf. a.M.

Künstler: SEEHOF-Kunst im urbanen Raum, Frankf. a.M.

Verkehrsplaner: BSV Büro für Stadt- u. Verkehrsplanung GmbH, Aachen

Visualisierer: rendertaxi architecture.visualisation, Aachen

Stadtforscher: INKEK-Institut für Klima- u. Energiekonzepte, Lohfelden

Die Globalisierung hat auch dazu geführt, dass Städte sich in einen internationalen Wettkampf um die besten Voraussetzungen für die Ansiedlung von Unternehmen, damit um die besten Talente und damit um die besten Lebensbedingungen gezwungen sehen. Dem Stadtmarketing kommt daher eine größere Bedeutung zu als je zuvor. Metropolen, die nicht wie Marken agieren, geraten unweigerlich ins Hintertreffen. Wie jede Marke brauchen sie daher zuallererst eine klare Positionierung, ein unverwechselbares Markenbild, ein relevantes Versprechen. Hier können architektonische und kulturelle Highlights als Initialzündungen helfen, zu einer Neuausrichtung oder Schärfung des Profils zu kommen. Gleichzeitig aber wurden Großprojekte noch nie so kritisch hinterfragt und auf ihre Sinnhaftigkeit, ihren Bürgernutzen, ihre Finanzierbarkeit und ihre Nachhaltigkeit hin abgeklopft. Das gilt besonders für alle Maßnahmen, die mit öffentlichen Mitteln realisiert werden (sollen).

 

LASTENHEFT

Mit dem „Blaugrünen-Ring“ gilt es deshalb nicht nur, eine städtebauliche Aufwertung eines unter seinen Möglichkeiten bleibenden Areals durchzuführen. Vielmehr muss es Ziel sein, durch Zusammenführung und Bündelung der vorhandenen Einrichtungen, die jede für sich bereits auf höchstem Niveau angesiedelt sind, ein Gesamt-Ensemble von Weltgeltung zu schaffen, dessen Strahlkraft sich mit anderen internationalen Metropolen messen kann. Dabei wollen wir den Institutionen nichts überstülpen, das ihre Identität verändert. Und wir wollen keinen zusätzlichen „Kultur-Monolithen“ schaffen, der sie in die Zweitklassigkeit verweist. Wir möchten auch keinen „Fremdkörper“ installieren, mit dem sich die Düsseldorfer nicht identifizieren können. Wir wünschen uns ein Konzept, das Beteiligung und gemeinsame Entwicklung genauso herausfordert, wie es zu einer gemeinsamen Nutzung einlädt und Identifikation stiftet.

 

DIE IDEE

Wir feiern in Düsseldorf nicht nur die Kunst (wie in Bilbao), nicht nur die Musik (wie in Hamburg oder Sydney), nicht nur die Gartengestaltung (wie in Versailles oder Potsdam) und nicht hauptsächlich technische Höchst-Leistungen (wie in Dubai). Jede Betonung eines dieser Inhalte würde den anderen Einrichtungen innerhalb des Planungsgebietes Aufmerksamkeit stehlen oder inhaltliche Zwänge auferlegen.

Was wir in Düsseldorf feiern ist vielmehr die allen kulturellen und Fortschritt fördernden Innovationen zugrundeliegende Triebkraft: Die Kreativität.

Das lässt jeder vorhandenen Institution ihren Platz und lädt sie zur Öffnung, zur Zusammenarbeit und zur kontinuierlichen Weiterentwicklung ihrer jeweils eigenen Identität ein.

Das passt hervorragend zur Geschichte der Stadt als Keimzelle großer Kunst genauso wie medial-popkultureller Ausdrucksformen von Musik über Mode bis Werbung und Medien.

Das passt aber auch zur Innovationskraft der in Düsseldorf ansässigen Unternehmen, der Bildungseinrichtungen, der Politik und der Zukunftsorientierung der Stadt insgesamt bis hin zur Integration neuer digitaler Möglichkeiten und urbaner Lebensmodelle. Diesen Gedanken haben wir in einer Formel kondensiert. Sie lautet: Ideas never stop.

 

DER CLAIM ALS URBANES ERLEBNIS

Auf der inhaltlichen Grundidee der immerwährenden Vorwärtsbewegung ist das städtebauliche Konzept aufgebaut: In ihm lösen wir den statischen Charakter des Areals auf, sprengen den in sich geschlossenen und nach außen abweisenden, festen „Ring“ und schaffen einen kontinuierlichen und mit seiner Umgebung vernetzten Fluss immer neuer Eindrücke und Inspirationen, in den die Museen etc. wie „Trittsteine“ eingebettet sind. Kurz: „Blaugrüner-Ring“ wird „Flow“.

Der Begriff transportiert im übertragenen Sinne natürlich das mühelose Hervorsprudeln von Ideen. Im wörtlichen Sinne liefert er uns zusätzlich die perfekte Metapher für unser städtebauliches Konzept: Ein Zirkel aus Wasser verbindet die vorhandenen und neuen Orte miteinander. Düssel und Rhein werden wieder zu fühlbaren Lebensadern der Stadtlandschaft und treten als die historischen Wurzeln der Stadt und ihrer Geschichte sichtbar und bewusst gestaltet zutage. Regionale Identität und Verbindung hinaus in die Welt werden durch sie gleichermaßen symbolisiert. Der Rhein als mythologischer Strom Europas fließt nicht länger „an der Stadt vorbei“, sondern „durchströmt sie“. Wasser und das Spiel mit ihm wird Themengeber und Medium der künstlerischen Inszenierung, aber auch Quell von Lebensqualität. Der physische Flow im Gelände wird erlebbar als Strom der Ideen, der einzelne kreative Stätten und Highlights miteinander verbindet und gegenseitig befruchtet. „Immer im Fluss“ soll auch die Bespielung des gesamten Areals sein, das sich unter Einbeziehung der Bürger ständig kollektiv weiterentwickelt und mit sich wandelnden, zeitbezogenen Attraktionen zur dauerhaften Bühne für künstlerische Auseinandersetzungen wird. So entsteht nicht „der“ Bau oder „die“ Anlage, sondern ein Experimentierfeld für immer neue Strömungen und urbane Lebensformen.

 

ALLES FLIESST

Das Bild des Flusses, bei dem das eine sich mit dem anderen vermischt, wirkt in vielfältigen Formen und auf den unterschiedlichsten inhaltlichen Ebenen und gibt uns eine breit gefächerte Palette von Möglichkeiten.

DER PLAN ZUM FLOW…

 

Flow – ideas never stop

Die Geschichte der europäischen Stadt ist eng verknüpft mit der Geschichte des öffentlichen Raums: Sie ist geprägt durch einen stetigen Wandlungsprozess. Für Düsseldorf ist nun die Zeit für eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Es gibt übergeordnete gesellschaftliche Trends, einen Rückzug der Menschen aus dem öffentlichen Raum, eine fehlende Begegnung und Orientierung der Menschen, einen unzureichenden gesellschaftlichen Diskurs, eine „Erstarrung“. Es ist an der Zeit, den öffentlichen Raum wieder neu zu denken!

Das Wasser ist der Energiegeber Düsseldorfs: Der Wandlungsprozess der Stadt ist motiviert durch den Rhein und die Düssel. Wie in der Nibelungensage ist der Rhein der Ort des Schatzes, das Sammelsurium der Geschichte, der Kraft, er ist die Ader der Generationen, der Sagen, das Lebenselixier, aus dem alles entsteht und in das alles zurückfindet. Das Wasser treibt an, spendet Leben, formt Raumatmosphären, verbindet Orte. Wasser wird der Energiegeber des aktuellen Wandlungsprozesses. Dort, wo Wasser ist, entsteht neues Grün, wird Ufer – Grün und Blau bedingen sich gegenseitig. Kunst wird hier eingeführt als „Katalysator“ für Stadtentwicklungsprozesse in Düsseldorf: „Art creates city“. Die gewachsene Düsseldorfer Kunsttradition dient als Ressource vor Ort. Kunst im urbanen Raum kann leiten, bringt Orte miteinander in Verbindung, eröffnet neue Sichtweisen und Erfahrungen, führt Menschen zusammen.

Der „Blaugrüne Ring“ entwickelt sich in diesem Konzept zu einem kontinuierlichen und mit seiner Umgebung vernetzten „Fluss“ immer neuer Eindrücke und Inspirationen: Ein prozesshaftes Vorgehen für die Stadt, bei dem städtebauliche, künstlerische, klimabezogene und kommunikative Prozesse in Gang gesetzt werden und sich zu einem „Flow“ verbinden, um die Stadt der Zukunft zu denken und tatsächlich zu schaffen. Bestehenden Wasseradern werden freigelegt, neue werden gestaltet, dauerhafte Kunstwerke markieren die Einmündungen der Düssel: Das Wasser fließt über den Hofgarten, an der Kunstakademie sowie die Königsallee entlang bis hin zum K21, über den Grabbeplatz an der Kunstsammlung NRW und dem Kunstverein vorbei durch die „Gasse“ in den Rhein. Es bildet sich ein blauer Ring, flankiert von grünen Ufern und Parkflächen:A city of bluegreens“.

An neuralgischen Punkten zwischen den Kulturinstitutionen entstehen Nachbarschaftsprojekte mit Künstlern, die die Bewohnerschaft in den Prozess involvieren. Gemeinsame Kulturvorhaben und der damit einhergehende Aufenthalt sowie Dialog finden an neu geschaffenen Zentren statt – Kunst dort, wo man sie nicht erwartet, aber durch sie eine neue Begegnung und Identifikation mit der Stadt ermöglicht. Im Kern und in der Wettbewerbsaufgabe als Schwerpunkt definiert, entsteht eine Ikone: Der Ring am Rheinufer. Eine großartige Freitreppe, eine Agora, die dem Spiel des Wassers jeden Lauf lässt, um als Bühne, Gezeiten-Spektakel, Opern- Freilichtbühne, oder einfach Plateau zu dienen und gleichzeitig in seiner ikonischen Form als neues Wahrzeichen für Düsseldorf Kraft zu entfalten. Neuralgischer Punkt ist auch der neu zu schaffende Kulturcampus vor der Akademie. Die Düsseldorfer Kunsttradition ist die starke Ressource vor Ort. Kunst kann leiten, bringt Orte miteinander in Verbindung, eröffnet neue Sichtweisen und Erfahrungen. Die Stadtplanung versteht sich als kuratorische Aufgabe, nicht als fertige „Masterplanung“.

Das Ziel des Wandlungsprozesses ist die Schaffung realer Aufenthalts- und Begegnungsorte von hoher Qualität durch Aufladung vorhandener Ressourcen, die reale Verknüpfung und Verbindung von Orten sowie Menschen und Institutionen. Dabei werden auch technologische Innovationen und Möglichkeiten genutzt, um eine Überlagerung realer Raumerfahrungen mit neuen virtuellen Informations- und Verbindungsebenen zu schaffen. Es entsteht eine neue Marke für die Stadt mit starker Anziehungskraft:  Flow. Ideas never stop. Düsseldorf.

Die stadtplanerischen Eingriffe beruhen auf einer Vielzahl ineinandergreifender Maßnahmen: Der Tunnel am Rheinufer wird verlängert, das Rheinufer gen Norden für den Verkehr stillgelegt, um eine Agora entstehen zu lassen: im Sinne der antiken Tradition des Versammlungsortes einer Stadtgesellschaft, der demokratischen Prozessen dient, der Diskussion, der Kunst, der politischen Verhandlung, der Kunsttradition, der Versammlung der Zivilgesellschaft und der Begegnung mit dem offenen Naturraum unter freiem Himmel als Inbegriff der Freiheit. Das Wasser des Rheins wird von dort in die Stadt hineingezogen, die Adern der Düssel werden dort, wo es möglich ist, freigelegt. Wo die Offenlegung der Düssel unmöglich ist, greift die Kunst in Form von Auftragswerken oder Nachbarschafts-Projekten, um die Zivilgesellschaften und die Kulturinstitutionen samt Künstlern in einen Diskurs zu führen. Um die traditionsreiche Kunstakademie stärker in das Stadtgeschehen einzubeziehen, auch hier eine städtebauliche Zutat in Form eines Plateaus, eines Campus, der Raum spendet für Interaktion und Begegnung, Aktivierung von Kunst- und Stadtgesellschaft. Das prozesshafte Vorgehen speist sich aus einer Toolbox, einer „Flow-Box“, die für unterschiedliche Orte in der Stadt differenzierte Maßnahmen bereithält.