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Umfeld der Festhalle Frankfurt

Kooperatives Verfahren

Ort: Frankfurt a. M. (D)

Datum: 11-2007

Auslober: Stadt Frankfurt am Main

Architekt: Raumwerk Architekten, Frankfurt a. M.

Nachtschwärmer und Weltenbummler
Der Messeplatz in Frankfurt stellt sich heute als überdimensionale und diffuse Platzfläche dar ohne Aufenthaltsqualität. Eine Collage von Architektursolitären aus unterschiedlichen Zeitepochen besetzt den Raum ohne erkennbare Ordnung und Hierarchie. Kongresscenter und -hotel, Festhalle, Halle1 und Eingangsgebäude City bilden eine beliebige Nachbarschaft, übertrumpft durch den Messeturm.
In diesem Wettstreit der Aufmerksamkeiten rückt die eigentliche historische Keimzelle des Areals, die klassizistische Festhalle, in den Hintergrund.
Dieser bürgerliche Schmuckbau im klassizistischen Gewand sollte im 19.Jhrd. den neuen Standort der Messe am Rande der gewachsenen Stadterweiterung repräsentieren. Aus einer Analyse der Historie erklärt sich die ursprüngliche Gebäudekonzeption, die heute nur noch rudimentär ablesbar ist:
Ursprünglich waren nach Osten zur Stadt hin Annexbauten vorgesehen, die den repräsentativen Haupteingang zum Gebäude markierten. Die heutige Schmuckfassade an der dem Platz zugewandten Nordseite war als Kaisereingang für entsprechende Zeremonien geplant und diente als Belle Face rein repräsentativen Zwecken. Vor diesem Hintergrund entsprach die Gestaltung der Fläche einem für die Zeit typischen Schmuckplatz mit Beeten und Blumen. Die Ränder des Platzes wurden von zweigeschossigen Flügelbauten gefasst und stellten das prominente Treppenbauwerk der Festhalle in den Focus.
Im Laufe der Zeit wurde durch Erweiterungsbauten und Umbaumaßnahmen des Platzes, die mit dem Bau des Messeturms in den späten 80-iger Jahren ihr vorläufiges Ende fanden, immer mehr von diesem ursprünglichen Konzept abgewichen.
Der heutige Messeplatz gibt sich in seiner Gestaltung als Kind der 80iger Jahre zu erkennen. Neben der diffusen baulichen und räumlichen Struktur leidet die gestalterische Qualität und Übersichtlichkeit des Platzes an der Vielzahl von Einbauten und Ausstattungselementen. Alle Einbauten bedienen die Bedürfnisse der Messe und sind im Laufe der Zeit sukzessive ohne Gesamtkonzept auf der Fläche verortet worden.

Die Funktion
Gemeinsam mit der baulichen Struktur haben sich die funktionalen Zuordnungen um die Festhalle herum im Laufe der Jahre stark gewandelt. Heute ist der Betrieb der Festhalle von komplexen und sich überlagernden Funktionsabläufen geprägt. Der ursprünglich östlich gelegene Haupteingang fand seine Verortung auf der Südseite der Halle. Dagegen sind Ostseite und Vorbereich zu einem Andienungshof verkommen, mit dem großen Makel, der direkten Einsehbarkeit für alle Messebesucher und einfahrenden Verkehrsteilnehmer nach Frankfurt.
"Schmuckplatz" und "Betriebshof" grenzen unmittelbar an einander. Ein durchgehender Zaun schützt das direkte Messehallenumfeld vor öffentlichem Zugang und sichert den Shuttlebuslinien und Anlieferfahrzeugen freie Fahrt zur östlichen Seite der Festhalle. Weder "Schmuckplatz" noch "Betriebshof" können ihrer Aufgabe gerecht werden.
Die fußläufige Verbindung des Festhallenvorplatzes ist von der Stadt aus kommend durch den Einschnitt der Tiefgaragenrampe des Messeturmes behindert. Auch die Laufbeziehungen aus der Grünfläche der Ludwig Erhard Anlage sind durch die Wendeschleife der Straßenbahn gestört. Von der Theodor Heuss Allee kommende Besucher haben ein `Verkehrsinselhopping` zu absolvieren, um die Platzfläche zu erreichen.

Die Planungsziele
Ziel der Planung ist es
- die herausragende Stellung der Festhalle als Keimzelle der Frankfurter Messe wiederherzustellen
- klare Raumstrukturen zu schaffen und den historischen Schmuckplatz in einer zeitgemäßen Architektursprache wieder zu beleben.
- die neuen Räume gemäß ihrer funktionalen Anforderungen auszustatten und einen reibungslosen Ablauf des Betriebes zu ermögliche
- eine städtebauliche Antwort auf den Konflikt zwischen "Messebetrieb" und "Repräsentation zur Stadt" zu finden

Das Konzept
In Anlehnung an die historische Grundidee wird ein Flügelbau an die Ostseite der Festhalle angebaut. Zum einen teilt er den Platzraum in zwei Bereiche und fasst als Gegenüber zum Kongresscenter den historischen Schmuckplatz.
Gleichzeitig verbindet das Gebäude als Spange zwischen Messe und Stadt den internen Messebereich mit dem öffentlichen städtischen Raum und setzt diese beiden Pole in Beziehung.
Das Gebäude nimmt die jeweils notwendigen Infrastrukturen auf, die für Nutzung und Bespielung der Freibereiche benötigt werden und dient damit der Ordnung und Beruhigung des Messeumfeldes.
In seiner eigenständigen Architektursprache hebt es sich bewusst von der Festhalle ab, um sich gegenüber den voluminösen Nachbarbauten zu behaupten. Es ist ergänzender Baustein zu einem Ensemble aus Architekturen ihrer jeweiligen Zeit.

Das Gebäude - Spange zwischen Messe und Stadt
Das Gebäude dient vielfältigen Nutzungen und Funktionen. Die wichtigste Funktion ist jedoch die des Museums und Infopoints. Über die gesamte Länge des Obergeschosses erstrecken sich Ausstellungs- und Präsentationsräume, die die reiche Geschichte der Messe Frankfurt dokumentieren aber auch Raum für aktuelle Veranstaltungen bieten. Das museummessefrankfurt mmf bietet Besuchern und Touristen eine Anlaufstelle während und außerhalb des Veranstaltungskalenders der Messe. Ein separater Zugang an der Ostseite der Halle kann als Eingang für VIPs, Presse oder auch geführte Besuchergruppen genutzt werden. Inszenierte Öffnungen geben den Blick frei auf das logistische Treiben der Messe während unterschiedlicher Veranstaltungen. Wie auf der Besucherterrasse eines Flughafens können hier die internen Vorgänge der Messe von außen beobachtet werden.
Die Erdgeschosszone innerhalb des abgesperrten Messebereichs nimmt Technik und Servicefunktionen auf, die bisher ungeordnet im Andienungshof verteilt waren. Im Bereich des öffentlichen Platzes ist ein Cafe/Restaurant und Museumsshop untergebracht, die zur Belebung des Platzes beitragen. Hier befindet sich auch der Aufgang zum Museum.
Die Medienfassade
Die Medienfassade besteht aus Glasbausteinen und modernster Technik. In den Glasbausteinen entsteht ein neuer Raumkörper, in dem sich Elemente, Grafiken und Informationen unserer Welt auf einer Schaufassade präsentieren. An einer der Haupteinfallstraßen Frankfurts entwickelt die Glasfassade Tiefe und verleitet zum genauen Hinschauen. Ein Bild voll Konzentration mit der Makellosigkeit eines Glases Quellwasser. Die Motive sind grafisch-ruhig oder informativ-dynamisch und ermöglichen dem Betrachter eine Auszeit von seiner täglichen Hektik.

Die Plätze - Nachtschwärmer und Weltenbummler
Der landschaftsarchitektonische Entwurf schafft einen neuen Teppich auf dem alle Elemente drapiert werden können. Durch den Neubau des Museums wird die riesige Platzfläche so zoniert, daß zwei unterschiedliche Platzcharaktere entstehen. Vor der Festhalle entsteht in Anlehnung an den historischen Schmuckplatz eine moderne Interpretation. Während sich zu Kaisers Zeiten die klassischen Schmuckplätze als dekorative mit Blumenarrangements gestaltete Flächen darstellten wird hier eine zeitgemäße Transformation in Form von Lichtkuben das Farbenthema übernehmen. Während tagsüber der Platz durch den Schattenwurf der Kuben eine reizvolle Textur erhält wird er sich nachts herausputzen und den Ort in eine zauberhafte Stimmung versetzen. Gerade heutzutage spielt sich urbanes Leben in den Abendstunden ab. Nach dem Messebesuch werden die internationalen Gäste zu Nachtschwärmern. In diese gedanklichen Spannungsbogen fügt sich die skulpturale Struktur des interpretierten Schmuckplatzes ein. Der Platz wird bewusst besetzt und entzieht sich der Begehrlichkeit für kommerzielle Nutzung, die seiner Aufgabe als repräsentatives Entree nicht gerecht wird.
Als Platzbelag werden großformatige anthrazitfarbene Betonplatten im Format 1,00 x 1,00 x 0,16 m gewählt, die die erforderliche Befahrbarkeit des Platzes in manchen Teilen ermöglichen. Veredelt wird der Plattenteppich durch Natursteinintarsien in den Formaten 40x40, 80x80 und 120x120 cm.
Der Zaun und dessen Notwendigkeit werden akzeptiert, der Verlauf im Bereich Messeturm leicht korrigiert. Die Ausprägung des Zaunes wird leichter und transparenter gestaltet. Außerdem erhält der Zaun vor dem Belle Face der Festhalle eine Konstruktion mit Bodenhülsen, die einen temporären Rückbau möglich machen. Dadurch ist bei besonderen Anlässen die Festhalle ohne Zaun zu erleben. Vorstellbar ist es auch eine zweite Zaunlinie über Hülsen im Boden vorzuhalten, die bei Bedarf einen noch größeren Bereich vor der Festhalle generieren kann.
Die Vorfahrtsituation vor dem Hotel und dem Kongresszentrum wird in ihrer Dimension herunter gefahren. Ein neues Glasdach überzieht den Vorfahrtsbereich und gewährleistet eine Aus- und Einsteigen ohne bei Regen nass zu werden. Es sollte geprüft werden, ob an der Theodor-Heuss- Allee eine Fläche für wartende Taxis gefunden werden kann, um die Anzahl an stehenden Taxis auf dem Platz zu minimieren.
Im Kontrast zum offenen Vorplatz der Messehalle werden die südöstlichen Flächen mit Bäumen überstellt. In Gedanken an die vielen internationalen Messegäste wird die einheitliche Textur der Platzfläche mit typischen Baumarten der Regionen der Welt überstellt und mit dem Thema Weltenbummler beschrieben. Hier kann man sich Zedern, Birken, Eichen aber auch Hemmlockstanne, Sophora oder vielleicht sogar Palmengewächse vorstellen, die im Frankfurter Klima gedeihen. Unter den Bäumen befinden sich vereinzelt Sitzobjekte die zum kurzen Verweilen einladen.
Auch die Fläche vor der Ostseite der Festhalle wird gezielt mit einigen Bäumen besetzt, um den Charakter eines reinen Anlieferhofes zu widersprechen . Hier wird darauf geachtet, dass die logistischen Abläufe nicht gestört werden. Ein Austreten aus dem gläsernen Arkadengang im Sommer und das kurze Verweilen im Schatten der Bäume erzeugt eine neue Qualität.

Lichtkonzept
Zwei Reihen Lichtstelen sorgen auf dem repräsentativen Vorplatz für die notwendige funktionale Ausleuchtung und unterstützen die konsequente Platzgestaltung ohne Konkurrenzen zur zentralen Lichtskulptur aufkommen zu lassen.
Das dreidimensionale aus dem Plattenraster entwickelte Lichtobjekt versprüht Flair und bildet den Charakter des „Vorplatzes“, dessen Neuinterpretation eines Schmuckplatzes entsprechend des gesellschaftlichen Lebensgefühls die dunklen Stunden betont.
Die tagsüber spannende und raumbildende Skulptur wird nachts zum „blühenden“ Schmuckplatz des 21. Jahrhunderts.
Die homogen leuchtende Seitenflächen aus schlagzähem Kunststoff, die durch Farbmischung der LED-Matrixleuchten verschiedenste Farben und Intensitäten annehmen können, locken „Nachtschwärmer“ aus aller Welt.

Große Zeitabstände
10 min zwischen den Farbwechseln sorgen beim wiederholten Betrachten der Skulptur für positive Irritationen. Für besondere Anlässe ist die Steuerung der Anlage offen, d.h. es können beliebige Lichtszenen programmiert werden.
In Anlehnung an die lose Anordnung der Bäume im Umfeld des Messeturms wirken die Lichtstelen scheinbar lose eingestreut und korrespondieren mit ihrer Lichtwirkung gut mit den unterleuchteten Sitzelementen der Baumlandschaft.
Für erhöhte Anforderungen in der Ladezone bei Nacht können in dem modularen Stelensystem zusätzliche Strahler integriert werden und bei Bedarf zugeschaltet werden.
Das Gebäude des neuen Messemuseums erzeugt im Erdgeschoß eine üppige Lichtaura, die zu beiden Seiten des linearen Baukörpers wirksam ist. Das Gebäude erhält einen schweben Charakter, der die Aufgabe der Raumbildung und Platzbegrenzung nachts hervorragend erfüllt.
In Anlehnung an den Vorplatz (Südeingang) wird im bestehenden Haupteingang (Norden) ebenfalls das Element der Stele in Reihe eingesetzt.