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Neugestaltung der Fußgängerzone
Weender Straße in Göttingen

Einladungswettbewerb, 3.Preis

Ort: Göttingen (D)

Preis: 3. Preis

Datum: 09-2008

Auslober: Stadt Göttingen

Architekt: Raumwerk Architekten, Frankfurt a. M.

Platz da ! Platz machen !
Wenn man diese Aufforderungen wörtlich nimmt und sie auf den öffentlichen Raum bezieht, generiert man dessen wesentliche Eigenschaft: Platz !
Zwischen den beiden oben genannten Aussagen besteht nur ein geringer Unterschied, denn häufig ist es nötig, erst Platz zu machen, bevor der Planer einen Platz schaffen kann.
Durch das konsequente Aufräumen und Freiräumen des öffentlichen Raumes und die Reduktion auf wenige, notwendige Elemente an den richtigen Orten gibt man dem Menschen Raum und erzeugt Platz innerhalb der urbanen Dichte. Der öffentliche Raum muß im Gegensatz zum intimen privaten Raum Menschenmengen aufnehmen können, die zudem noch ein eigenes, körperliches Raumbedürfnis haben. Das öffentliche Leben und der Kommerz spielen in Innenstädten insbesondere in Fußgängerzonen die größte Rolle. Dies steht in einem gewissen Widerspruch mit der - im Allgemeinen vorherrschenden - urbanen Dichte. Konsum, Feste, Märkte, Demonstrationen und Konzerte – für diese Veranstaltungen benötigt man öffentlichen Raum, im Wesentlichen in Form von Plätzen. Wenn die urbane Dichte zunimmt und der öffentliche Raum begrenzt ist, wie zum Beispiel in Altstädten, wird der sorgfältige Umgang damit besonders wichtig.

Konzept
Die Göttinger Fußgängerzone ist der zentrale öffentliche Raum der Stadt. Sie funktioniert und ist belebt wie kaum eine andere in der Bundesrepublik. Die Cafes und Geschäfte sind voll, das urbane Leben pulsiert.
Allerdings ist die Halbwertszeit der Fußgängerzone erreicht: Der Betonsteinbelag ist abgenutzt und verblichen, die Leuchten, Sitzbänke und Fahrradständer nicht mehr zeitgemäß, die Pflanztröge und Litfaßsäulen überflüssig, die Bäume zu groß.
Es ist Zeit aufzuräumen: Alle Elemente die den Raum verengen und den Platz für den Konsumenten reduzieren werden auf ein Minimum reduziert. Der Bewegung wird Vorrang eingeräumt, Orte des Aufenthalts und der Ruhe werden trittsteinartig in der Altstadt und insbesondere in der Fußgängerzone angeordnet. Sie ergänzen als grüne Orte die historisch steinerne Altstadt Göttingens.

Entwurf
Die Gestaltung der Göttinger Fußgängerzone basiert auf dem historischen Bild der freien, offenen und steinernen Weender Straße sowie der Stärkung der grünen Orte in der Göttinger Altstadt. Zu diesen grünen Orten zählen die Wallanlage und insbesondere die vorwiegend baumbestandenen Kirchplätze wie der Jakobikirchhof und der Johanniskirchplatz, die direkt an die Fußgängerzone bzw. den Marktplatz angrenzen.
Die Weender Straße wird in zwei Gestaltungsbereiche geteilt. Der nördliche Bereich des Busrings wird mit zwei Baumreihen alleeartig ausgebildet und analog zum übrigen Busring mit Asphaltfahrbahn und Fußwegen aus Striegauer Granit gestaltet. Der zweite Bereich zwischen Jüdenstraße und Groner Straße markiert den ursprünglichen inneren Altstadtkern Göttingens. Dieser Bereich der reinen Fußgängerzone erhält einen einheitlichen Belag aus Granitplatten. Um einen Zusammenhang mit den angrenzenden Straßenräumen zu erhalten, wird der Striegauer Granit mit dunkleren, schmutzunempfindlicheren Graniten in den Formaten 80/30, 80/50 und 80/80 gemischt. Dadurch wird ein einzigartiger, graphischer Belag mit einem eigenständigen Charakter hergestellt ohne einen Bruch mit der übrigen Gestaltung der Göttinger Altstadt zu erzeugen. Die Granitplatten werden aufgrund der temporären Belastung durch Anlieferverkehr entweder in größeren Stärken oder als Sandwichverfahren auf bewährten Betonplatten als Werksproduktion hergestellt.
Die Einbauten in der Weender Straße werden zugunsten eines barrierefreien Fußgängerstroms auf ein Minimum reduziert. Die Beleuchtung wird abgehängt, sodass auf Mastleuchten verzichtet werden kann. In der Nacht verstärkt der künstliche Sternenhimmel das Raumgefühl zwischen den beleuchteten historischen Fassaden und unterstützt den eigenständigen Charakter der Göttinger Fußgängerzone innerhalb der neu gestalteten Altstadt.
Nach dem Vorbild des Göttinger „Nabels“ werden zeitgemäß gestaltete Sitzobjekte für die Kreuzungspunkte der Fußgängerzone mit den angrenzenden Straßenräumen entworfen. Die Sitzobjekte „Gutingi“ bestehen aus leicht ovalen, schwebenden und nachts unterleuchteten Betonelementen. Eine asymmetrische Öffnung im Sitzelement wird entweder mit Kunstobjekten wie dem „Der Tanz“ oder mit Blütenstauden gefüllt.
Da das Fahrradfahren in der Fußgängerzone nicht erlaubt ist, werden Fahrradständer in den angrenzenden Straßen an den Kreuzungspunkten zur Weender Straße sowie an der Nord - und Westfassade des Rathauses angeordnet um die Fußgängerzone auch zu damit entlasten.
Nach dem historischen Leitbild kommt der einheitlichen Gestaltung der Markisen eine besondere Rolle zu. Da zudem die Textilproduktion in Göttingen in der Vergangenheit einen hohen Stellenwert hatte, sollte ein Gesamtkonzept für Markisen und Sonnenschirme erarbeitet werden. Ein einheitlicher Farbkanon für Markisen und Sonnenschirme sowie eine begrenzte Auswahl an Außenmöblierung könnte zu einem einheitlichen, ruhigen Erscheinungsbild der Fußgängerzone beitragen. Monochrome Stoffmuster könnten der jeweilige Individualität der unterschiedlichen Cafés uns Restaurants gerecht werden. Auf abtrennende Elemente wie Zäune und Pflanztröge sollte u. a. aus Gründen der Barrierefreiheit verzichtet werden.

Der Marktplatz bleibt räumlich und gestalterisch das Zentrum der Fußgängerzone. Er erhält denselben einheitlichen Belag und die abgehängte Beleuchtung wie die gesamte Fußgängerzone. Die besondere Rolle des Marktplatzes wird durch das Element Wasser betont. Der historische Gänselieselbrunnen wird durch einen modernen Brunnen ergänzt. Der „Fisch-Tisch“ ist eine zeitgemäße Neuinterpretation des ehemaligen Fischsteins auf dem südlichen Marktplatz, auf dem früher frischer Fisch angeboten wurde. Ein Wassertisch aus Beton mit Fischreliefen erinnert an diese Zeit und erweitert den Marktplatz um eine weitere Attraktion.

Der Jacobikirchhof wird im Kontrast zur steinernen Fußgängerzone als einer der grünen Orte in der Göttinger Altstadt gestaltet. Die historische höher liegende Situation des Umfeldes der Kirche kann aufgrund heutiger Nutzungsansprüche nicht wieder hergestellt werden. Diese historische Situation wird jedoch durch einen Belagswechsel dokumentiert. Außer den Zugängen zur Kirche und den Randbereichen wird die Kirche auf eine wassergebundene Decke gestellt. Ein ca. 1m breites, bodenbündiges Betonband trennt die Materialien voneinander. Dieses Band wächst partiell zur Umrandung der Hochbeete für die Bestandsbäume und verleiht ihnen dadurch eine zeitgemäße Gestaltung. Auf der wassergebundenen Decke können alle derzeitigen Nutzungen wie Außengastronomie, Flohmärkte und Weihnachtsmarkt stattfinden. An der Nordseite werden mehrere kleine Spielobjekte auf der wassergebundenen Decke verteilt. An der Ostgrenze des Platzes werden 8 Stellplätze angeordnet. Der Johanniskirchplatz könnte analog zum Jacobikirchhof als grüner Ort mit hoher Aufenthaltsqualität gestaltet werden.