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Neugestaltung des Brüder-Grimm-Platzes

Nicht offener Wettbewerb, zweiphasig

Ort: Kassel (D)

Preis: ein 1. Preis

Datum: 10-2020

Auslober: Stadt Kassel, Kassel

Verkehrsplaner: RÖVER Ingenieursgesellschaft, Gütersloh

KONZEPT und FORMFINDUNG

Das Freiraumkonzept für den Brüder-Grimm-Platz interpretiert die Historie dieses Ortes neu und übersetzt die ursprünglichen Platzgestaltungen in einen zeitgenössischen Kontext. Der Platz und seine Gestalt haben im Laufe der Zeit viele Veränderungen erlebt, die aktuell jedoch nicht mehr abzulesen sind. Das neue Konzept für die Platzgestalt vermittelt auf eine subtile Weise die Geschichte des Ortes und verschafft ihm dadurch eine neue, zeitgemäße Identität. Für den Brüder-Grimm-Platz ist sowohl eine grüne als auch eine städtische Gestalt vorgesehen, die Aufenthaltsqualität schafft und dabei den verkehrlichen Anforderungen gerecht wird. Der neue Brüder-Grimm-Platz kombiniert in seiner zukünftigen Gestalt zwei historische Platzformen. Die Urform des Baumrundes des Weißensteiner Platzes von 1781 wird mit dem Pentagon von 1913, dass sich durch die Raumkanten der Architektur ergibt und noch heute den Platz prägt, überlagert. Die Kombination beider Formen erzeugt eine spannungsvolle Dynamik, die im Bewegungsraum erfahrbar wird. Um der Verkehrswende gerecht zu werden und mehr qualitativen Raum für Aufenthalt und Grün zu erzeugen, wird der Verkehrsraum auf dem Platz reduziert.

 

PLATZRAUM

Der Platzraum wird durch eine einheitliche Oberflächengestaltung betont, sodass der Platz zusammenhängend wahrgenommen wird. In Anlehnung an den Königsplatz wird ein Natursteinmaterial (Granit, alternativ Betonstein) in verschiedenen Formaten verwendet. Der umlaufende Pflasterbelag wird auf den Tramgleisen weitergeführt und stärkt damit den optischen Zusammenhalt. Die Funktionen von Verkehrsraum und Bewegungsraum werden aufeinander abgestimmt. Der umlaufende Bewegungsraum verbindet die prägenden Gebäude und dient als gemeinsamer Vorplatz. Der Parkraum wird zugunsten der Platzqualität und mit Hinblick auf die Verkehrswende deutlich reduziert. Rettungsfahrzeuge haben Zufahrtsmöglichkeiten und ggf. können Behindertenparkplätze eingerichtet werden. Die Topografie des Platzes orientiert sich am Bestand und den Eingangshöhen der umliegenden Gebäude und fällt entsprechend gleichmäßig und einheitlich.

Durch die Gestaltung verknüpfen sich die Vorplätze der verschiedenen Gebäudeadressen. Der Platz übernimmt damit auch die Auftaktfunktion zur angrenzenden Museumlandschaft am Weinberg und der Innenstadt. Der gemeinsame Vorplatz kann dabei in verschiedene Funktionsbereiche unterteilt werden und mit Gastronomie und temporären Aktionen bespielt werden. Der Platz wird als Ganzes wahrgenommen, bietet jedoch durch das umliegende denkmalgeschützte Gebäudeensemble und der Dynamik der Gestaltung je nach Betrachtungsstandpunkt ein anderes Bild, so verbindet sich der Raum zu einem charakterstarken Platz, der der geschichtlichen Collage des Ortes auf eine angemessene Art begegnet.

 

GRIMMSWALD

Ein Kreis aus Waldstauden und Waldbäumen versinnbildlicht den archaischen Wald der Brüder Grimm, den sie in ihren Märchen zur mystischen Kulisse ihrer Geschichten machen, und wird dabei durch eine moderne Gestaltung übersetzt. In der Entstehungszeit dieses Ortes lag der Standort außerhalb der Stadt, es war ein vorgelagerter, landschaftlich geprägter Platz am Königstor mit gelenktem Blick in die Waldlandschaft. Heute dagegen ist das Umfeld durch den urbanen Charakter geprägt, die Landschaft besteht nur noch über die Anknüpfung an das Freiraumsystem des Weinberges, damit der Karlsauen sowie über die Wilhelmshöher Allee an den Bergpark. Um das historische Bild aufzugreifen bespielt ein lichter Waldkreis aus eng stehenden, hochstämmigen Kiefern und Lärchen den Platz. Der Brüder-Grimm-Platz bildet dadurch den Verbindungspunkt zwischen den prägenden Freiraumsystemen und der Museumslandschaft Kassels. Die besonderen „Point de Vue“ Sichtachsen des Platzes werden durch den Wald ergänzt und es entsteht eine einprägsame, frische Waldatmosphäre. Die Unterpflanzung des Waldes besteht aus einer niedrigen Krautschicht aus waldtypischen Pflanzengesellschaften wie Farnen, Funkien, Waldmeister und Moosen, die den mystischen Charakter des Ortes noch verstärkt. Durch die niedrige Unterpflanzung und die hoch aufgeasteten Waldbäume entstehen zudem keine Angsträume im öffentlichen Raum. Der vorhandene Baumbestand wird in das Baumrund integriert und nur wenige Bäume zugunsten des Bewegungsraumes gefällt. Der Waldkreis gibt dem Platz eine einprägsame Atmosphäre, die den Anforderungen des Ortes gerecht wird. Die Baumsetzungen ermöglichen dabei einerseits Sichtbeziehungen und andererseits Abschirmung. Der Raum kann als Ganzes wahrgenommen werden und der Wald dient dabei gleichzeitig als identitätsstiftendes, verbindendes und strukturierendes Element.

 

AUSSTATTUNG

Die Ausstattung des Platzes ist schlicht und einheitlich gehalten. Der Waldkreis wird durch eine umlaufende Stufe  mit ca. 15cm Höhe betont, die eine subtile Grenze zwischen Platz und Wald bildet. Die Natursteinstufe könnte  zudem zeitgemäße Zitate der Märchen aus der Welt der Gebrüder Grimm aufnehmen.

Die Eingangsbereiche zu den verschiedenen Adressen werden freigehalten. Entlang der Raumkanten werden 3 großzügige Bänke aus Naturstein mit Holzauflage verortet, sie dienen als Treffpunkt und zum Verweilen.

Im Bereich der südlichen Torwache kann eine Fläche für Gastronomie auf zwei Ebenen vorgesehen werden. Um eine neue Raumkante zu gestalten, werden die Steine der historischen Mauer von Fischer wiederverwendet. Der Übergang zur Humboldtstraße wird einladender durch eine breite Stufenanlage mit auslaufenden Stufen.

Das Brüder-Grimm-Denkmal wird in Flucht des Weges zur Murhardschen Bibliothek versetzt und verweist dort auf die angrenzende Museumslandschaft. Das Ich-Denkmal wird vor der ehemaligen Tapetenfarbik gesetzt mit dem Wald und den Gebäuden als spannende Hintergrundkulisse.

Fahrradstellplätze sind dezentral in Flucht der Raumkanten verortet, insgesamt ca. 30 Stellplätze werden an mehreren Standorten des Platzes bereitgestellt.

Neben der Ausstattung kann der Platz durch temporäre Veranstaltungen und Installationen bespielt werden - Märkte, Kunstaustellungen oder soziale Veranstaltungen können zukünftig von diesem Ort ausgehen und in die angrenzenden Kulturbereiche weiterführen. Die Bewohner können sich den Platz dadurch temporär aneignen und vielfältig nutzen.

 

WASSER

Einen besonderen Charakter erhält der Raum durch das Element Wasser in Form von Wasserdunstdüsen am Rand des Baumrundes. An heißen Sommertagen wird der Platz durch feinen Nebeldunst gekühlt und die frische Atmosphäre des Waldes spürbar intensiviert. Der Nebeldunst bleibt zwischen den Baumstämmen bis in die Abendstunden erhalten und bildet zusammen mit dem Lichtkonzept eine märchenhafte Atmosphäre.

 

BELEUCHTUNGSKONZEPT

Das Beleuchtungskonzept für den Platz sieht eine Ausleuchtung des Bewegungs- und Fahrbahnraums vor, die Orientierung und Sicherheit gewährleistet. Die Raumkanten dienen als Flucht für mehrere Mastleuchtengruppen aus Cortenstahl, die in mehrere Richtungen abstrahlen. Die prägenden Architekturen erhalten jeweils durch vorgelagerte Bodenstrahler eine stilvolle Fassadenbeleuchtung, die in der Nacht die Raumkanten stimmungsvoll akzentuieren.

 

LICHTINSTALLATION

Ein besonderes Ambiente erhält der Platz durch das Lichtkonzept des Märchenwaldes. Der Wald erhält auf drei Ebenen unterschiedliche Lichtelemente, die durch ein abgestimmtes Lichtkonzept von Tag zu Tag verschiedene Stimmungen erzeugen. So werden kleine flackernde Lichtstäbe auf der Bodenebene den Waldboden erstrahlen lassen (Anknüpfung an Grimms Märchen „Das blaue Licht“).  Zwischen den Baumstämmen sind Leuchtelemente, die an Glühwürmchen und Geister erinnern („Der Geist im Glas“). In der letzten Ebene werden die Kronen durch Baumstrahler beleuchtet, sodass man nach den Sternen sieht („Die Sterntaler“). Durch das Lichtspiel verwandelt sich der Platz am Abend in einen wundersamen Märchenwald, der zum Betrachten einlädt.

 

ANBINDUNG

Die Torwachen erhalten einen größeren, fußgängerfreundlichen Gehwegbereich, an den kurz darauf die neue Haltestelle anknüpft. Die Haltestelle entspricht dem schlichten Haltestellenkonzept der Wilhelmshöher Allee, um die Funktion des Brüder-Grimm-Platzes als „Tor in die Stadt“ zu stützen. Der Übergangsbereich zur Murhardschen Bibliothek greift die Typologie des Fürstengartens durch lockere Baumpflanzungen auf und bildet so den Abschluss der südlichen Raumkante. Innerhalb des Grüns wird ein kleiner Spielplatz eingerichtet (Grimms Spieltraum). Die Murhardsche Bibliothek erhält einen eigenen großzügigen Vorplatz, der über einen Weg und der Weinbergstraße mit dem Platz verbunden ist. 

 

VERKEHRSKONZEPT

Insgesamt wird der Raum für den motorisierten Individualverkehr für ein umwelt- und fußgängerfreundliches Konzept reduziert. Die bisherigen Hauptverbindungen und die Gelenkfunktion des Platzes sowie die mittige Straßenbahntrasse bleiben erhalten.

 

Verkehrsraum und Verkehrsführung

Die Wilhelmshöher Allee wird durch die neu geplante Haltestelle auf eine zweispurige Verkehrsfläche verringert, sodass bis in die Obere Königsstraße der Verkehrsraum auf 2x MIV und 2x Tram reduziert ist. Über eine zusätzliche Rechtsabbiegespur auf dem Brüder-Grimm-Platz wird das Abbiegen in die Friedrichstraße weiterhin ermöglicht. Die neue Planung des Straßenraumes bietet Tram, PKW und Radfahrern einen abgestimmten Verkehrsraum. Durch den zweispurigen Fahrbahnausbau sind die Querungsmöglichkeiten angenehmer, für eine geschützte Querung könnten Fußgängerampeln unterstützen.

 

Das Konzept sieht vor, die Tramtrasse im Bereich des Platzes mit Rasen/ Pflaster zu besetzen, dadurch bleiben für den PKW-Verkehr noch zwei Spuren, die Links Abbiegemöglichkeit in die Weinbergstraße entfällt und eine Spur der Oberen Königstraße führt als Linksabbieger in die Friedrichstraße. Um dies zu verwirklichen, müsste jedoch die Signalsteuerung an der Fünffensterstraße auf einen Umlauf von 15 Fahrzeugen reduziert werden. Optional könnte auf das Rasengleis und die Auspflasterung der Tramtrasse verzichtet werden, um die Leistungsfähigkeit des „Gelenkbogens“ zu erhalten. Dabei würde die Tramtrasse gleichzeitig als Fahrbahn mit Pulkführerschaft der Tram und damit auch die Linksabbiegemöglichkeit von der Weinbergstraße auf die Wilhelmshöher Allee angeboten werden. Durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 h/km kann das Verkehrsrisiko, Rückstaurisiko und Lärm zugunsten eines fuß- und fahrradfreundlichen Straßenraumes verringert werden.

 

Weinbergstraße

Die Weinbergstraße wird bis Ecke Obere Karlsstraße als Einbahnstraße Richtung Brüder-Grimm-Platz geführt, sie erhält eine Aufpflasterung und ist durch Kantensteine vom Bewegungsraum abgegrenzt.

 

Bewegungsraum

Der Bewegungsraum bietet der Feuerwehr ausreichend Platz. Die Vorplatzbereiche von Torwachen, Hessischem Landesmuseum und Tapetenmuseum werden aufgrund einer besseren Aufenthaltsqualität von ruhendem Verkehr freigehalten, lediglich Lieferzonen sind auf dem Platz vorgesehen. Entlang der Weinbergstraße werden 10 PKW-Stellplätze und 3 Bus-Stellplätze angeboten, hinzu kommen noch 6 Stellplätze entlang der Friedrichstraße.

 

Rettungsfahrzeuge

Die Rettungsfahrzeuge können über die Fahrbeziehung Weinbergstraße Stadteinwärts sowie Richtung Frankfurter Straße fahren. Wird auf das Rasengleis verzichtet, kann auch die Wilhelmshöher Allee bequem über die Weinbergstraße erreicht werden. Von der Wilhelmshöher Allee kommend, führt die Fahrbeziehung Friedrichstraße – Obere Karlsstraße bzw. Humboldtstraße – Weinbergstraße zum Krankenhaus.

 

TECHNISCHE MACHBARKEIT

Die Pflegekosten des Platzes werden sich voraussichtlich künftig im selben Rahmen wie bisher oder leicht darüber bewegen. Die Staudenfläche bewegt sich mit 2240 m² ungefähr im gleichen Rahmen, wie bisher. Der Platzbereich umfasst 7229 m² und wird durch eine einheitliche und großflächige Ausgestaltung aus Natursteinpflaster effizienter zu pflegen sein als in der Bestandssituation. Ein neuer Kostenfaktor entsteht durch die Baumneupflanzungen, die Pflege des Waldes wird Zeitintensiver. Nach überschläglicher Berechnung werden die Pflegekosten nicht stark steigen.