1/5 Brückenplatz in Lüdenscheid

2/5 Brückenplatz in Lüdenscheid

3/5 Brückenplatz in Lüdenscheid

4/5 Brückenplatz in Lüdenscheid

5/5 Brückenplatz in Lüdenscheid

Brückenplatz in Lüdenscheid

Beschränkter Wettbewerb

Ort:Lüdenscheid (D)

Preis:Anerkennung

Datum:05-2012

Auslober:Stadt Lüdenscheid

Architekten:LHVH Architekten GbR, Köln

Bauingenieure:Arup GmbH, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main

Im Rahmen der städtebaulichen Perspektive „Denkfabrik“ wird sich im Bereich des Bahnhofs Lüdenscheid ein wissenschaftlich- und bildungsorientiertes Quartier entwickeln.
Neue Gebäude mit technisch und wissenschaftlich geprägten Nutzungseinrichtungen werden sich sowohl östlich der Gleise auf den ehemaligen Bahnflächen ansiedeln als auch westlich davon in die Bestandsbebauung integrieren. Der Bau der Fachhochschule Südwestfalen ist bereits fertiggestellt, weitere Maßnahmen befinden sich gegenwärtig in den Planungs- und Umsetzungsphasen. So wird auf östlicher Seite der Bahnhofsallee in unmittelbarer Nachbarschaft zur Fachhochschule das Gebäude des Deutschen Instituts für angewandte Lichttechnik entstehen. Westlich der Gleise befindet sich die Erweiterung des Science Centers, der Phänomenta, in Planung. Besucherströme zur Phänomenta werden aus der gesamten Region erwartet. Vor allem Kindern und Jugendlichen werden hier physikalische Zusammenhänge und Phänomene experimentell veranschaulicht.
Zur Verbindung der westlichen und östlichen Teile des neuen Quartiers entsteht eine Fußgängerbrücke, die mit einem kleinen öffentlichen Platz zwischen der Fachhochschule im Norden und einem geplanten Parkhaus im Süden ihren Auftakt findet. Auf der freigehaltenen Auftaktfläche der Brücke finden das Ankommen und die Lenkung der Besucherströme sowie das öffentliche Leben des entstehenden aktiven Wissenschaftsquartiers statt.

KONZEPT
Der neue Brückenplatz im Osten erhält auf der westlichen Seite sein Pendant. Auch hier entsteht durch die Erweiterung des Straßenraums eine platzartige Fläche zwischen dem Brückenzugang und der Phänomenta. Die neue Brücke über die Gleise bildet nicht nur eine fußläufige Verbindung der beiden gleichwertigen Areale des entstehenden Viertels. Darüber hinaus wird sie aufgrund der Ausgestaltungsart bereits integrierter Bestandteil des Wissenschaftsquartiers und dient der Zusammenfassung der beiden Plätze. Neben den im Entwurf angedachten Baumreihen als Leitlinien erhebt die Fußgängerbrücke so auch den Anspruch, den thematischen Brückenschlag der beiden Quartiersteile zu meistern.
Auf östlicher Seite als lange Rampe ausformuliert, bildet die an den Brückenkörper angrenzende Fassadenverkleidung gleichzeitig die südliche Platzkante. Langfristig gesehen würde im Norden ein Erweiterungsbau der Fachhochschule den Platz städtebaulich gesehen den noch fehlenden Halt geben. Eine Reihe hochstämmiger Formgehölze bildet einen grünen Filter zur Hochschulfassade und korrespondiert mit den Reihen geschnittener Gehölze auf dem westlich der Gleise angelegten „Phänomentaplatz“. Durch die Ausbildung des Rampenkörpers als Platzkante, die Fachhochschule mit Baumreihe und die lockere Baumbepflanzung entlang der Bahnhofsallee wird der neue Brückenplatz dreiseitig eingefasst und bildet so seine charakteristischen Proportionen bereits vor Bau des geplanten Parkhauses im Süden aus. Die Rampen- und Treppenanlage kann ebenso der Erschließung des neuen Parkhauses dienen.
Auf der langen Rampenanlage können sich die Schulkinder nachdem sie lange Busanfahrten hinter sich haben, ausgelassen austoben, um sich dann auf der gegenüber liegenden Seite auf dem erweiterten Platz vor der Phänomenta wieder zu sammeln. Wer zügig die Seiten wechseln möchte, kann die optional angebotene Treppe nehmen.

BRÜCKENKÖRPER - ARCHITEKTURKONZEPT
Die gegenwärtig unbestimmte städtebauliche Situation am zukünftigen Brückenplatz bezogen auf das Parkhausgebäude, führt zu der Idee die Brücke mit Ihren Treppen, Rampen und dem Aufzug zu einem Körper zusammenzufassen. So entsteht unabhängig vom Parkhausgebäude eine Raumkante die den Platz sehr sachlich und zurückhaltend definiert. Der transparente Riegel verbindet den Brückenplatz mit dem Vorplatz der Phänomenta und bietet mit seiner speziellen Beleuchtung und einem einfachen Effekt schon einen Vorgeschmack auf die Versuche in der Phänomenta.

Tragwerkkonzept Brückenkörper
Das Haupttragwerk ist eine filigrane Stahlkonstruktion, die im Wesentlichen aus eingespannten Rahmen, die in einem Abstand von ca. 3,60 m zu einander stehen, gebildet wird. Über die Länge des Bauwerks ergeben sich so 20 Rahmen.Die Brücke über die Bahngleise ist ein Fachwerk mit Zugseilen als Diagonalen, um die Filigranität zu betonen. Auf die Rahmen werden die Rampen, die Treppen, sowie die Brückenplatte aufgelegt, die als Stahlbetonfertigteile ausgeführt werden sollen. Durch die Verwendung von Fertigteilen wird eine hohe Oberflächenqualität erreicht, so dass Nachbehandlungen oder Verkleidungen nicht erforderlich werden. Außerdem wird, durch die im Vergleich zu einer orthotropen Stahlplatte für die Brücke größere Masse der Laufplatte, die Gefahr von Vereisungen merklich reduziert. Die Horizontal- und Vertikallasten werden über die in die Fundamente eingespannten Stahlstützen in den Baugrund geleitet. Als Fundamente sind Streifenfundamente vorgesehen, von denen jeweils eines unter einem Rahmen angeordnet wird. Über die Rahmenwirkung wird die Stabilität in Querrichtung sichergestellt. In Längsrichtung wird die Gesamtstabilität über einen einhüftigen Rahmen gesichert, der aus dem Fachwerk der Brücke und einem vertikal ausgekreuzten Feld zwischen zwei Rahmen besteht.

Fassadenkonzept
Die Brücke, inkl. ihrer vertikalen Erschließung mit Aufzug, Treppen und Rampen, wird umhüllt von einer Bekleidung aus gelochten Stahlblechen. Diese verbinden die einzelnen Elemente zu einem Brückenkörper. Die Fassade zum Brückenplatz erhält zudem eine zweite Schicht mit gelochten Blechen im Abstand von ca. 30 cm. Diese innere Schicht dient zum einen als Absturzschutz, zum anderen erzeugt sie durch Überlagerung mit der äußeren Schicht Interferenzen und veranschaulicht so beim Durchschreiten des Brückenkörpers ein physikalisches Phänomen - den sogenannten Moiré-Effekt. Der Abstand der Stahlrahmen ist mit dem Fassadenraster abgestimmt, so kann auf eine zusätzliche Unterkonstruktion verzichten werden. Die Fassadenelemente spannen von Rahmen zu Rahmen und bestehen aus Stahlunterkonstruktionen,
die mit Stahllochblechen bekleidetet sind und über verdeckte Befestigungspunkte an der Tragkonstruktion hängen.

Wartung und Pflege
Durch die Verwendung von geschlossenen Rechteckrohrprofilen wird die Korrosionsgefahr und der Pflegeaufwand der Stahlkonstruktion, verglichen z. B. mit Doppel-Trägerprofilen, deutlich reduziert. Zudem trägt die Überdachung des Brückenbauwerks dazu bei, die Konstruktion vor Witterungseinflüssen zu schützten und eine winterliche Schneeräumung auszuschließen. Die Treppen, Rampen und die Brückenplatte werden aus wartungsfreien und robusten Betonfertigteilen hergestellt.
Der Brückenkörper beinhaltet an der Seite zur Phänomenta zudem ein Aufzug, der optional den P+R Parkplatz mit der Phänomenta Zugangsebene und der Brücke verbinden kann.


FREIRAUMGESTALTUNG
Um die Platzflächen optisch zusammen zu ziehen, werden neben dem Brückenkörper grüne Leitlinien ergänzt. Reihen aus eng stehenden akkurat in Kastenform geschnittenen und hoch aufgeasteten Gehölzen wirken wie grüne Raumkanten. Auf dem westlichen Platz begleiten die Baumlinien den Straßenverlauf der Gustav-Adolf-Straße in West-Ost Richtung. Unter den Bäumen werden Sitzbänke im Linienverlauf platziert. Der Brückenplatz bekommt eine langgezogene, skulptural wirkende, sonnenausgerichtete Sitzbank.

Ein einheitlicher Belag aus hellem Asphalt betont ebenso die Zusammengehörigkeit der beiden Plätze. Auf der Seite der Phänomenta wird die Mauer bis zur Grenze des Bahnareals nach Osten versetzt. Der Eingangsbereich der Phänomenta und der diesseitige Brückenauftakt erhalten so eine erweiterte Platzfläche in angebrachter Dimension. Die bisher ungenutzten Restflächen unterhalb der Mauer werden in das Gesamtkonzept des Wissenschaftsquartiers integriert. Der östliche Verlauf der Gustav-Adolf-Straße wird nach Norden hin abgeflacht. Die Stützmauer wird an ihrer nördlichen Ecke um etwa 1,5 Meter abgetragen. Optisch wächst dadurch das Areal um die Phänomenta weiter mit dem tieferliegenden Areal östlich der Gleise zusammen. Ein weiterer positiver Effekt des Mauerabtrags ist die Freilegung der neuen, wirksamen Fassadenansicht der Phänomenta. Um der Architektur des Neubaus gerecht zu werden, wählen wir eine subtile, transparent wirkende Absturzsicherung. Es gibt keine den Blick störenden Elemente zwischen der Phänomenta und dem Brückenplatz. Der gesamte Straßenverlauf und die Platzerweiterung der Gustav-Adolf-Straße werden als Fußgängerbereich verstanden und sollen nur für den Anlieferungs- und Taxenverkehr frei gegeben werden.

Auf östlicher Gleisseite führt ein Fußweg vom Bahnsteig direkt zu den Brückenaufgängen und auf den Brückenplatz. Unmittelbar am Knotenpunkt des Brückenaufgangs können die ankommenden Busse temporär parken, um die Besucher aus- und zusteigen zu lassen. Um das neugeplante Parkhaus sind weitere Langzeitstellplätze für die Busse geplant.

Auf dem Phänomentaplatz könnte sich je nach Budget und Nutzerwünschen der „Brunnen der Aggregatzustände“ befinden. In Anlehnung an die thematischen Inhalte der Phänomenta-Ausstellung werden hier die physikalischen Erscheinungen des Wassers symbolisiert. So zeigt sich der Brunnen in drei sich abwechselnden Bildern:
Die Stille, die unbewegte Wasseroberfläche wirkt wie erfroren und stellt das Wasser im gefrorenen Aggragatzustand als Eis dar. Bewegtes Wasser sorgt für eine lebendige Atmosphäre auf dem Platz und zeigt das Wasser im Normalzustand. Vernebelungen tauchen den Platz in geheimnisvolle Atmosphäre und bilden somit den Wasserdampf nach.

LICHTGESTALTUNG … und weitere Phänomene
Lüdenscheid „Stadt des Lichts“
Sowohl bei der Ankunft, als auch beim Verlassen des Phänomenta-Areals kann der Besucher bereits viele erstaunliche Eindrücke erleben. Die sorgfältig aufeinander abgestimmte (Licht-) Gestaltung der Freiflächen in Verbindung mit der neuen Brücke erzeugt bei Tag und bei Nacht stets ein anderes beeindruckendes visuelles Erlebnis.

Tagbild
Die dem Platz zugewandte Fassade der Brücke besteht aus zwei hintereinander liegenden perforierten Gewebeschichten und erlaubt somit den Blick von Innen nach Außen und umgekehrt.
Durch die Überlagerung der unterschiedlich feinen bzw. groben Raster der Gewebeschichten entsteht tagsüber auf der Fassade ein Moiré-Effekt. Je nach Beobachterposition ist auf der Fassade ein anderes Muster zu erkennen. Durch die Gewebeschichten wird der Innenraum der Brücke mit Tageslicht erhellt. Die Struktur der Gewebefassade und deren Lichtspiel des einfallenden Tageslichts weckt bereits hier die Aufmerksamkeit der Phänomenta-Besucher.

Nachtbild
Nach Einbruch der Dunkelheit wandelt sich das Erscheinungsbild der Platzfläche und erweitert die Phänomenta durch mehrere optische Effekte nach draußen.
Der Außenraum wird in monochromatisches blaues Licht (470nm) getaucht. Es entsteht eine futuristische bzw. Science-Fiction-Atmosphäre, die erneut die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zieht. Die Brücke strahlt von Innen in monochromatischem Orange, der Komplementärfarbe zu Blau. Durch die Gegenüberstellung der beiden Komplementäre verstärkt sich jeweils der Sättigungseindruck der beiden Einzelfarben.
Das orangefarbene Licht im Inneren der Brücke wird mit aus der Straßenbeleuchtung bekannten Leuchtmitteln erzeugt und stellt bereits das nächste optische Phänomen dar. Die sehr effizienten Niederdruck-Natriumdampflampen erzeugen Licht in einem sehr engen Spektrum (590nm), wodurch aber außer Orange kaum andere Farben wiedergegeben werden. Der Effekt der monochromatischen Umgebung wird für den Besucher durch ein zusätzliches Lichtwerkzeug verstärkt. Interaktiv gesteuerte Downlights mit weißem Licht und sehr guten Farbwiedergabeeigenschaften befinden sich über den Bewegungsflächen innerhalb der Brücke. Bewegungsmelder aktivieren diese Downlights, das „gute“ Licht folgt dem Besucher auf seinem Weg durch die Brücke. Im jeweils aktivierten Bereich werden alle Farben wie gewohnt sichtbar, die Umgebung bleibt aber orange, der Kontrast zwischen guter und schlechter Farbwiedergabe wird so auf eindrucksvolle Weise vermittelt. Wie die Experimente der Phänomenta erfordert auch diese Installation die aktive Teilnahme der Besucher und hinterlässt somit einen bleibenden Eindruck.

Der „Brunnen der Aggregatzustände“ wirkt mit exakt abgestimmten Kombinationen von Wasserbewegung und Lichtintensität. Von „Eis“ bei geringster Helligkeit und unbewegtem Wasser über bewegtes und sprudelndes Wasser bei stärkeren Helligkeiten bis hin zum „gasförmigem Wasserdampf“ in Form von fein sprühendem Wassernebel bei größter Helligkeit spiegeln Wasser und Licht die Aktivität der Wassermoleküle wider.

Die Baumreihen an den Platzrändern werden von oben mit gerichtetem kaltweißem Licht beleuchtet. Somit entsteht dort der so genannte „Moonlighting“-Effekt. Das Abbild der Baumkronen, welches sich im Jahreslauf stetig verändert, bildet einen interessanten Übergang zwischen dem Platz und den angrenzenden Bereichen.

Die Lichtinstallationen auf dem Brückenplatz sind ein weiterer Schritt auf dem Weg Lüdenscheids zur „Stadt des Lichts“.